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  • Halina Bendkowski: 50 Jahre Deutschlands erste Homosexuellendemonstration in Münster

Auf vielfachen Wunsch veröffentlichen wir hier die Rede von Halina Bendkowski, die sie beim Festakt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums „Deutschlands erste Homosexuellen-Demonstration in Münster“ 1972 – 2022 gehalten hat. Weitere Informationen unter https://www.muenster-1972.de.

Halina Bendkowski. Foto (c) Ralf Emmerich.

Halina Bendkowski. Foto (c) Ralf Emmerich.

Liebe Lesben und Schwule,
sehr geehrte queere Einladende und Interessierte, insbesondere Sabine Heise und Norman Devantier, vom KCM Schwulen-und Lesbenzentrum, sehr geehrte Damen und Herren aus der
Politik, sehr geehrte Diskutanten Martin Dannecker und Sigmar Fischer,
sehr geehrte Moderatorin Frau Claudia Kemper,
und sehr geehrter Herr Ministerpräsident Wüst!

Ich weiß, dem Protokoll nach geht es andersrum, aber bitte nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich es mir

  • der Schwulen-und Lesbengeschichte,
  • eben anders- andersrum zu adressieren.

Bitte verstehen Sie, wie komisch es ist, einst von dieser Stadt rechtlich verfolgt worden zu sein, weil die HFM im Mai `75 einen Infostand beantragte und die Stadt Münster diesen mit folgender Begründung ablehnte: “ die Stadt kann derartige Informationen auf stadteigenen Plätzen nicht zulassen” und einen Berufungsprozess gegen uns, nach unserem zuerst gewonnenen Prozess am Verwaltungsgericht, dann am Oberverwaltungsgericht anstrengte und verlor.

Immerhin, wenn man zurückdenkt – so viel Genugtuung sei erlaubt- schmückt sich die Stadt
Münster nun heute mit unserer Geschichte.
Ich persönlich empfinde die damalige Begründung der Stadt Münster immer noch als peinlich – im wahrsten Sinne des Wortes.
Damals haben Jutta Brauckmann und ich den Prozess gegen die Stadt Münster i. A der HFM namentlich geführt und ich muss auch sagen, ertragen.
Nach meiner Erinnerung gab es eine dpa Meldung, die nur vom WDR objektiv übernommen wurde. Keine seriöse Zeitung schien interessiert zu sein und vor nichts fürchtete ich mich so sehr wie vor der Springer-Presse, die hinter mir her war. Ein BILD-Journalist bot mir sogar Geld an, wenn ich mich mit Bild der BILD zur Verfügung stellte. Aber vor nichts schauderte mir mehr als vor deren willentlichen UnBILDung.

Mein Name ist Halina Bendkowski.
Ich habe in den 70ern in Münster studiert und an der Bewegung teilgenommen, über die ich heute spreche.

An der ersten Homosexuellendemonstation vor 50 Jahren nahm ich teil, aber nicht als Organisierende oder Aktivistin, sondern als eine, die vor dem damaligen Kaufhof an der Ludgeristraße stand. Martin Dannecker kam auf mich zu und händigte mir ein Flugblatt aus. Ich fühlte mich wie ertappt von ihm, wohl genau eine von denen zu sein, die da marschierten. Noch rückblickend weiß ich, dass das Annehmen des Flugblattes so eine Art Initiation und Ermutigung für mich war, denn es erforderte schon Mut, sich das Flugblatt überhaupt aushändigen zu lassen. Aber nichts im Vergleich zu dem demonstrierenden Verteiler, den ich alsbald als Martin Dannecker erkannte und der heute auch hier ist, um das Ereignis von damals ob und wie historisch relevant einzuordnen.

Er trug damals das Plakat:
»Brüder und Schwestern, ob warm oder nicht. Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!«
Ich weiß nicht, ob die damaligen Münsteraner am Straßenrand verstanden, was Martin Dannecker damit meinte, obwohl seine Ansage eine eindeutige Absage an Franz-Josef Strauss‘
Bierzeltaufhetzer vom Februar 1970 war:
„Ich will lieber ein kalter Krieger sein als ein warmer Bruder.”

Frank Ripploh aus Münster plakatierte:
„Tust Du auch so normal. Eine Tunte bist Du auf jeden Fall.”
Und wagte damit ein über das “subkulturelle Milieu” hinausgehendes Geständnis.
Übertragen ins Allgemeinverständliche meint der Spruch: wie immer Du Dich auch anpasst, sie werden Dich zur Tunte machen.

Anne Henscheid trug das Plakat:
”HOMOS raus aus den Löchern”, was alle Welt damals als offensiv wahrnehmen sollte und insbesondere sie auch praktizierte. Das Foto von ihr ist einzigartig und von großer Bedeutung für die Historisierung der Lesbenbewegung.
Nur weil es das Foto gab, habe ich es geschafft, Anne Henscheid und die HFM in die Berliner Ausstellung: Homo_Sexualitäten des Schwulen Museums im Deutschen Historischen Museum zu integrieren. (12.6.2015)

Und weil die Ausstellung nach Münster übernommen wurde, entstand ein weiteres Interesse an der Münsteranerin, dem ich bereitwillig nachhalf.
Die Menschen um einen herum, damals vor 50 Jahren -am Samstag, den 29.4.1972- guckten böse auf die plakativ Demonstrierenden und ich hörte nicht zum letzten Mal in Münster von der Straßenbevölkerung die Bemerkung: “ Bei Adolf hätte es das nicht gegeben,” plus Zustimmung der Umstehenden.

Das, was genau vor 50 Jahren die Protestierenden sich und der Münsteraner Bevölkerung zumuteten, ist nicht die deutsche Version des US-amerikanischem Christopher Street Day: Im Vergleich zu NY, wo der Protest sich wegen einer Razzia in der Stonewall Bar in der Christopher Street Ende Juni 1969 zwar eher spontan entzündete, aber mental subkulturell vorbereitet war, muss man die 1. Homosexuellen-Demonstration in Münster eher als einen politischen Masterplan würdigen.

Rainer Plein, der Gründer der HSM (Homophile Studentengruppe Münster) wollte genau ein Jahr nach der Gründung diesen Geburtstag öffentlich mit einer Straßendemonstration feiern. Ich denke, Martin Dannecker und Sigmar Fischer werden gleich bei der Podiumsdiskussion davon aus erster Hand zu berichten wissen und ihre eigene Teilnahme und Rückschau reflektieren.
Warum in Deutschland nicht alljährlich der 29.April, sondern des CSD erinnert wird, würde ich gerne mit erörtern.
Obwohl ich schon an einigen Treffen der von Rainer Plein gegründeten HSM= Homophile Studenten Münster, teilgenommen hatte, bin ich persönlich Anne Henscheid erst später begegnet.
Die HSM hörte sich damals für mich so klandestin an, wie auch heute noch das Homophile in mir nachklingt. Obschon.
Nicht heimlich, eher unheimlich ‚normal’ gaben sich die AktivistInnen der HSM geschäftig, Pläne und Organisatorisches erörternd. Das aber war bis dahin “unnormal“. Sie wurden damals von den zahlreichen, sich als revolutionär verstehenden linken Gruppierungen an der WWU weder wahrgenommen oder gar ermuntert, sich als revolutionäre Subjekte einzureihen in die Befreiung der anvisierten Arbeiterklasse. Dennoch wirkten die schwulen Männer und wenigen lesbischen Frauen dort nicht schüchtern auf mich.

Sie präsentierten sich selbstverständlich in der für sie nicht vorgesehenen Öffentlichkeit. Das beförderte ein unerwartetes öffentliches Coming-out von Lesben und Schwulen, zumindest im universitären Münster.

Obwohl der Song WALK ON THE WILD SIDE von Lou Reed erst im November 1972 rauskam, verbinde ich diese Zeit in Münster mit diesem Gefühl.
„The walk on the wild side” war eine Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben und generell half die (non-binäre) androgyne Ästhetik des Rock ‘n Roll jener Jahre insbesondere den Lesben und Schwulen eine Bühne zum Tanzen der Geschlechterstereotpyen zu bieten und zu besetzen.
Und das allerorten, sowohl in Metro-hippen Celebrity- wie auch in Dorf -discos und ja, auch im katholisch geprägten Münster.

Schnitt
Was habe ich auf diesen Moment gewartet, endlich Anne Henscheid und die HFM zu würdigen. Als ich realisierte, wie sich die neu institutionalisierende LGBT Geschichtsforschung der Lesben-und Schwulengeschichte begann anzunehmen, befürchtete ich die Unsichtbarmachung der Lesben. Das wollte ich – schlicht besser wissend- nicht zulassen, obwohl ich selbst eigentlich mehr als feministische Aktionsforscherin- offen normal lesbisch – über die Jahrzehnte hauptsächlich gegen Gewalt gegen Frauen agierte.

Nach dem Tod von Anne Henscheid am 2.1.2009 kontaktierte ich Alice Schwarzer mit der Bitte, einen sie würdigenden Nachruf in der EMMA nachzureichen. Denn: es war mir unerträglich, Anne Henscheid, die sich als erste Frau überhaupt in Westdeutschland getraut hatte, von ihr, Alice Schwarzer in der BRIGITTE (Heft 7, 27.3. 1975) mit Foto deutlich erkennbar interviewen zu lassen, nicht in ihrer Bedeutung gewürdigt zu wissen. Schon als Alice Schwarzer 2003 den Berliner CSD-Zivilcourage-Preis bekam, nahm ich sowohl der Preisjury als auch der Geehrten übel, sich nicht derer erinnern zu wollen, die, wie Anne Henscheid, sich – was das Coming-out betrifft- weitaus mehr getraut hatten als die Gepreiste selbst. Wenn Alice Schwarzer in ihrer Dankesrede den Fortschritt als einen Weg “statt Akzeptanz zu Toleranz“ benannte, erregt es heute noch meinen Widerspruch. Denn sicher ist, dass Anne Henscheid sich mit solch einer Tautologie nicht beschieden hätte.

„Die Heimlichtuerei macht einen kaputt”, ließ Anne Henscheid in ihrem Interview mit Alice Schwarzer alle wissen.
Sie, die 29-jährige Sekretärin aus der Maximillianstraße 55, gab sich mit vollem Namen und Klarbild zu erkennen.
Sie war kein Star aus Film und Kunst, sie war nicht geschützt durch Geld oder Adel, denen man Extravaganzen zwecks Unterhaltung durchgehen lässt.
Sie durchschaute die Theorien der Akademien und Kirchen, die sie weiter warten lassen sollten, bis auch noch die allerletzte Vertretung sie für ihre Toleranz nicht mehr als störend empfand.

Nach vielen Angst- und Selbstmordgedanken war sie nicht mehr bereit, sich weiter krank machen zu lassen. Sie hatte keine Zeit mehr geduldig abzuwarten, bis die Zeit reif sei. Ihr Anspruch war, so normal zu leben, wie sie war, ohne den Schutz einer Großstadtanonymität wie Köln oder Berlin- eben in Münster.
Nicht nur ich war begeistert von ihr. Sie war eine Ermutigung für Frauen ohnegleichen. Von überall her schrieben ihr lesbische Frauen und erwarteten Hilfe.
Sie und ihre Partnerin wurden eine Art Beratungscenter. Die Ordner der Korrespondenz aus jenen Jahren sind ein Zeugnis eines unbeschriebenen Engagements und ein Blick auf die Lage der lesbischen Frauen jener Zeit.
Die HFM, die sie mit ihrer Partnerin und 5 weiteren Frauen (bitte melden für die Geschichtsforschung!) 1973 gegründet hatte, verband sich inniglich mit dem feministischen Aufbruchsgeist und führte auch in Münster 1974 zur Gründung eines Frauenzentrums in der Magdalenenstraße 9.

Einerseits blieb die HFM eine Art alternative Subkultur, da die sog. schwulen Milieukneipen in Münster Frauen nicht willkommen hießen, wie mir von einigen Älteren berichtet wurde, andererseits wurde sie zum Debattierraum.

Rückblickend möchte ich den therapeutischen Wert der gegenseitigen Erzählungen über die Schmähungen vor allem in den Familien nicht geringschätzen. Keine professionellen Therapieangebote in dieser Zeit kamen über Devianzen hinaus, die, wenn man Glück hatte, aber als Tröstung vermittelt wurden. Erst 1990 wurde die Homosexualität von der WHO als Krankheit gestrichen. Insbesondere Lesben waren als Töchter aufgerufen, Rücksicht auf die Familien zu nehmen. Schwule Söhne hatten es bei ihrem coming-out in den Familien sicherlich nicht einfacher, aber es wurde ihnen nicht gleichermaßen zugemutet, familiengefällig zu bleiben. Es galt mehr die Entscheidung, entweder den Sohn zu verstoßen oder zu verteidigen. Die meisten Eltern, vor allem die Mütter, entwickelten sich zu Verteidigerinnen ihrer offen schwul-lebenden Söhne. Zumindest entspricht das nicht nur meinen privaten Beobachtungen, sondern auch der Kenntnis der größten und ältesten Unterstützungsgruppe (1973) in den USA: PFLAG=Parents and Friends of Lesbians and Gays. Wie wichtig die Liebe und die Unterstützung der Eltern war und ist, kann man an der Entwicklung vieler Lesben und Schwulen nachverfolgen. Fast ist es denjenigen aus dysfunktionalen Familien leichter gefallen, vor der erdrückenden Verpflichtung, den Ruf der Familie zu wahren, sich selbst zu bewahren. Anne Henscheid kam aus keiner dysfunktionalen Familie, sie entsprach eher dem Image einer rheinischen Frohnatur. Ihre Eltern hatten eine Kneipe und sie wurde so oder so zum Kneipengespräch. Die Mutter war nicht begeistert, aber Anne Henscheid wusste kess zu unterhalten. Sie wurde durch die HFM-Gründung zum Couragestar der ersten großen Pfingsttreffen in Berlin, die von der dortigen, 1972 gegründeten HAW= Homosexuelle Aktionsgruppe, später LAZ=Lesbischen Aktionszentrum Westberlins veranstaltet wurden.

Dass Anne Henscheid sich übernahm, habe ich erst später gemerkt. Ich merkte zu spät, dass sie nicht wie ich Mineralwasser, sondern Wodka trank. Mut kostet.
Als sie beim Gründungstreffen der EMMA in Köln die Fassung verlor, rief mich Alice Schwarzer an, sie umgehend aus Köln abzuholen. Manche nennen es Nervenzusammenbruch, diagnostiziert wurde es später als borderline. Ihre frühere Partnerin und HFM Aktivistin, Christa van Deelen und ich taten wirklich alles, sie vor der Psychiatrisierung zu bewahren. Wie falsch das war, mussten wir einsehen als wir merkten, dass sie besser ohne uns, mit angemessener medikamentöser Therapie durch ihr späteres Leben kam. Sie blieb, wie ich von späteren Freundinnen erfuhr, die kesse Anne, wenngleich privater als in den Hochzeiten der HFM. Und dieser Zeit haben wir lesbischen Frauen, nicht nur in Münster, viel zu verdanken. Als ich begann, unsere Geschichte öffentlich zu reflektieren, bat ich Anne um ihre Zustimmung, sie öffentlich nennen zu dürfen. Sie war erfreut und einverstanden -und hier feiere ich sie nun im Münsteraner Rathaus, ihr und allen HFM-Frauen dankend für einen Fortschritt, von dem ich hoffe, dass dieser in die allgemeine Münsteraner Stadtgeschichte eingeht.
Mit der HSM-Gründung und der 1. Homosexuellendemonstration und durch die Weiterführung der HFM wurde ein Fortschritt für alle in Gang gesetzt, der gesetzlich nach vielen Kämpfen der letzten Jahrzehnte legal gesichert scheint. Das ist anders als beim Vorspiel vor 100 Jahren – so hoffe ich für uns und für unsere Nachkommen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Halina Bendkowski ©, Agentin für Feminismus&Geschlechterdemokratie

 
Vom 26.05.2022
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Kategorien: Aktuelles, Topthemen
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