Schwules in Münster - Juli und August 2002

 

Salve,

auch in diesem Jahr findet das traditionelle schwule „standFest” statt. In diesem Jahr steht es unter dem sinnigen Motto „Lieben und lieben lassen”. Aber eigentlich geht es nicht nur um Liebe, sondern es geht um Leben.

Also: Leben und leben lassen.
Oder: Lieben und leben lassen.
Vielleicht: Leben und lieben lassen.

Jedenfalls geht es um Liebe und Leben und um gewähren lassen. Denn seien wir ehrlich: natürlich ist uns gute Nachbarschaft zu wem auch immer wichtig, denn es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Aber damit der Frömmste in Frieden leben kann, sollte er seinem Nachbarn auch gestatten, so zu leben und zu lieben, wie der es möchte. Schließlich will der Frömmste ja auch so lieben und leben, wie er es möchte.

Und dass der Nachbar dann mal über den Gartenzaun guckt, um Neugier & Wissenslust zu befriedigen, ist doch in Ordnung.

Das KCM-Schwulenzentrum lädt jedenfalls wie jedes Jahr auch diesmal zum „Spannen” ein. Einfach über den Gartenzaun gucken und fragen. Fragen kost' ja nix.

Warme Grüße
Norbert

 

 

In eigener Sache

Auch in diesem Jahr gönnt der Zauberhut sich und seinen Lesern eine wohlverdiente Sommerpause. Im Sommermonat (wenn's denn noch einen Sommer gibt -seufz) August wird das von der schwulen Szene innig verschlungene & heiß geliebte Magazin also nicht erscheinen. Im September, rechtzeitig vor der Bundestagswahl, erscheint der Zauberhut dann wieder in gewohnter Liebenswürdigkeit.
NK

 

 

Das Hawerkampfest

Am 29. Mai war es wieder soweit: das Hawerkamp-Gelände wurde erst mal abgeriegelt, und dann öffnete es die verrammelten Tore. Für einen läppischen Unkostenbeitrag, der der Initiative „Erhaltet den Hawerkamp” zukam, konnten Neugierige & Feierwillige alle Einrichtungen des Hawerkamps betreten und alternative Szenenluft schnuppern.

Friedliche Kooperation wurde auch geboten: nebeneinander postierten sich die Aids-Hilfe, die Grüne Jugend, Jünger Jesu und die PDS ihre Stände und boten Informationen worüber auch immer.

Zum großen Verdruss aller Beteiligten spielte das Wetter dann nicht so ganz mit. Zum einen sorgte der seit Januar in unseren Breitengraden übliche Sturm dafür, dass der große Sonnenschirm am Eingang einmal wegflog, zum anderen sorgten die stillen Kirchenglocken Münsters für einen heftigen Regenguss.

Das hinderte das Volk aber nicht, zu strömen. Schon vor Mitternacht wurde eine lange Schlange gesichtet, die Einlass begehrte und bekam. Zu den Neugierigen zählte auch Prominenz: aus dem Rat der Stadt Münster wurden vom Redakteur des Hutes Christoph Strässer, Carsten Peters & Richard Halberstadt gesichtet.

Was wohl allen dämmerten: die Situation für die Gebäude am Hawerkamp ist unerquicklich. Die lähmende Situation verleitet niemanden, notwendigen Instand- und Reparaturmaßnahmen für Gebäude in Auftrag zu geben, die bitter nötig sind. Einerseits kann durch Gerichtsbeschluss die Nobelsanierung des Hawerkamps (sprich: der Abriss) nicht durchgezogen werden, andererseits werden die Betreiber der blühenden alternativen Szene kaum Geld locker machen, um hier zu investieren und das bunte Münster noch attraktiver zu gestalten.
NK

 

 

Sonntagscafé

Beim Sonntagscafé zeigte sich Roland wieder einmal als vollendeter Gastgeber und konnte die Gaumen seiner Besucher wieder einmal ordentlich erfreuen. Erfreuen konnte er auch Besucher Ralf, dem er einen Preis überreichen konnte.
NK

 

 

CSD in Köln - Das KCM ist dabei!

Auch in diesem Jahr gibt es wieder an vielen Orten den Christopher Street Day. Und das KCM ist auch in diesem Jahr wieder mit dabei in Köln, einer der größten dieser Paraden. Wir fahren dieses Jahr mit einem Wagen. Das Motto lautet „30 Jahre Schwestern in Bewegung! - Gruß aus Münster!” Dieses Motto wurde gewählt, da ja vor 30 Jahren die erste Homosexuellen-Demo in Münster stattfand. Der diesjährige CSD/Europride ist eine Gelegenheit, den Kölnern und der Republik zu zeigen, dass es auch vielfältiges schwul-lesbisches Leben außerhalb von Köln gibt und erst recht nicht dort die „Bewegung” ihren Anfang nahm. Und: Bewegung ist immer gut, wenn man etwas verändern will.

Der Europride selbst findet unter dem Motto „Köln feiert Vielfalt - Machen wir aus Europa einen Platz für uns alle!” statt. Bisher nehmen 135 Gruppen teil. Rekord!

Bis jetzt liegen 24 „Anmeldungen”/ Mitfahrwünsche vor für Münster. DJane Danny aus dem KCM und DJane Sandra („Gay in May” Osnabrück) werden auflegen. Wer auf dem Wagen mitfahren möchte, soll sich bitte an Achim im KCM-Büro wenden.

Des weiteren wird es natürlich auch dieses Jahr wieder eine gemeinsame Bahnfahrt ab Münster geben (Wochenendticket).
Markus Schröder

 

 

Einbruch

Das KCM wurde beklaut. Nach einer Mai-Party fanden die fleißige Hände, die am Morgen danach aufräumen, die Musikanlage des Hauses nicht mehr dort, wo sie hingehört: an ihrem Platz. Diebische Elstern waren nach der Party durch das Fenster geflogen, hatten mein & dein verwechselt und die Anlage mitgenommen.

Indes: die Untat reute die Sünder und sie meldeten sich zerknirscht beim Vorstand. Sie boten Wiedergutmachung an, und da man sich sowohl im Himmel als auch im Heiligen Kollegium des Vorstands über reuige Sünder mehr freut als über nervende Zauberhut-Schreiber zeigte sich der Vorstand gesprächsbereit.

Aber ärgerlich war der Mist schon!
NK

 

 

Wenn der Historiker...

Wenn der Historiker die Fakten durcheinander haut, dann wird's dicke. So geschehen dem Zauberhut-Redakteur bei seinen jüngsten Anmerkungen zur DeKaPee, deren Münsteraner Zelle sich zum jährlichen Gedenken an die NS-Opfer einfand. Wie immer in erprobter Trittbrettfahrerei. Diesmal mit zwei Fahnen sogar, wenn der Autor dieser Zeilen richtig zählte. Ja und? Die klassenkämpferischen Brüder waren schön ruhig und das sie erst nach dem Ende der Veranstaltung ihre Seelenfischerei begannen - was spricht dagegen? Die Resonanz lag erkennbar bei Null. Außerdem wäre es zuerst Sache der beiden Veranstalter, der Rosa Geschichten und des VVN (in Münster alles andere als Freunde der DeKaPee), sich daran zu stören. Denn die wissen augenscheinlich, dass man soziale Naturschutzgebiete nicht betritt. Und sie wissen vielleicht auch, dass die DeKaPee seit Langem und entschieden für die Abschaffung des § 175 eintrat, als die bürgerliche Verklemmtheit der christlichen, freien und sozialen Demokraten (Stichwort: Taubenzüchterverein in Oberhausen) den „warmen Brüdern” fast alles erdenklich Schlechte wünschten. In der blutroten Meinung zum 175er liegt der heutige, soziale Naturschutz für diese Partei bestimmt nicht begründet. Ehre, wem Ehre gebührt - wenigstens in dem Punkt. Den übergroßen Rest muss die DeKaPee mit sich und ihren mikroskopischen Wahlergebnissen ausmachen; es ist nicht unsere Sache und es sind letztendlich nicht unsere Verbündeten.
Michael Heß

 

 

Neues Gewinnspiel

Der Zauberhut ist nicht nur das große, bunte Schwulenmagazin für Münster & Umzu, der Hut ist auch immer wieder bestrebt, seine Leser durch lustige Spiele und packende Rätsel an sich zu binden. Auch diesmal, rechtzeitig zum standFest, legen wir ein solch tolles Kwiz auf. Und da der Zauberhut die „Pisa”-Studie verinnerlicht hat, hat der Vorstand einen wertvollen Buchpreis gestiftet. Lesen bildet eben auch Zauberhut-Leser.

Hier nun die Frage: Wie hieß der Hauptamtler des KCMs, der sich in Regenbogen-TV entblödete und bei der Erwähnung der Ehrenamtler des Vereins schlankerhand das geistreiche Wort „Hups” fallen ließ? (Regenbogen-TV sollte man schon glotzen, trotz oder wegen Pisa!)

Die Antwort mit dem Namen dieser Person bitte bis zum 31. Juli an norbert@bamby.de. Aus der Masse der Einsendungen wählt der Redakteur wahllos einen Gewinner aus und überreicht ihm das wertvolle Geschenk am folgenden Sonntagscafe. (Gibt es keinen Gewinner oder holt niemand das Buch ab, bekommt M.E. das Exemplar.)

 

 

Jubiläum beim gay-web Team in Münster

Seit fünf Jahren sind unter muenster.gay-web.de regionale Infos für und aus der Community online.

gay-web.de ist die gemeinsame Internet-Adresse nicht-kommerzieller Webseiten für Schwule und Lesben aus über 40 deutschen Städten. Das einheitliche Namenskonzept gay-web.de ermöglicht einen einfachen Zugriff. Von Aachen bis Würzburg führt die Eingabe des Stadtnamens mit dem Zusatz „gay-web.de” direkt zum lesbisch-schwulen Angebot der jeweiligen Stadt.

gay-web.de ist eine nichtkommerzielle Arbeitsgemeinschaft. Alle Seiten werden ehrenamtlich in der Freizeit gepflegt. Getragen wird das Projekt vom gemeinnützigen gay-web e.V. in Hamburg, finanziert durch den Werbebanner, Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Das Ziel von gay-web ist es, die Community im Internet zu vernetzen, Lesben und Schwule beim Coming Out zu unterstützen und gerade auch außerhalb der großen Metropolen jederzeit Informationen über das schwul-lesbische (Stadt-)Leben für alle einfach zugänglich zu machen.

Einigen Stammbesuchern der gay-web Seiten ist bestimmt aufgefallen, dass es in letzter Zeit verschiedene Layouts gab. Bei der Frühjahrsversammlung der Städteteams Mitte April in Frankfurt wurde heiß diskutiert und endlich ein neuer, einheitlicher Navigationsbalken beschlossen, was bei aktuell 47 am gay-web beteiligten Städten nicht einfach war. Inzwischen präsentieren sich die Seiten aber „relaunscht”.

Allein die Startseite von muenster.gay-web.de wird mittlerweile über 9000 Mal im Monat angeklickt. Beliebt sind neben den aktuellen Stadtinfos im City-Guide, vor allem die tagesaktuelle Terminübersicht, die Infos zum CSD und das Kontaktforum - inzwischen eines der größten im schwulen Web. Auch das erst vor einigen Monaten eingeführte Chattool, das einen einfachen Zugang zum Onlinechat u.a. von gaymuenster ermöglicht, erfreut sich steigender Beliebtheit.

Die weiter steigenden Besucherzahlen auf den gay-web Seiten sind dann auch die beste Motivation für das Münsteraner Team das Projekt fortzuführen.
Manfred Wessels

 

 

Fussball-WM

Jede Menge stramme Waden: Der YOUNGS CUP lockte Anfang Juni schwule Kicker aus Berlin, Bochum und Köln in die sengende Münsterländische Sonne. Zum zweiten Mal veranstaltete der YOUNGS FC, das Fußballteam von Münsters schwuler Jugendgruppe, das Turnier unter freiem Himmel. Gewohnt höflich ließen die Münsteraner ihren Gästen den Vortritt auf dem Siegertreppchen: Die Fußballer des Berliner Vereins „Vorspiel” sicherten sich verdient den Pokal; die Anyway Hot Shots aus Köln und der SC Aufruhr aus Bochum platzierten sich auf den Rängen zwei und drei. - Der YOUNGS FC wünscht sich übrigens Verstärkung. Das Alter spielt keine Rolle, Training ist jeden Freitag angesagt. Infos gibt's per Mail: fc@youngs.de
Timo Kerßenfischer

 

 

SCHWUSOS begrüßen die
Entscheidung des Bundestages

Fast 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs werden unter der Nazi-Diktatur verurteilte Homosexuelle voll rehabilitiert. Ein entsprechendes Gesetz beschloss der Bundestag am Freitag mit den Stimmen von SPD, Grünen und PDS. Damit werden 50.000 NS-Unrechtsurteile gegen Homosexuelle aufgehoben. CDU/CSU und FDP votierten gegen den Entwurf. Der Bundesrat muss nicht mehr zustimmen. In der Nazi-Zeit verurteilte Homosexuelle und Deserteure mussten sich bisher einer Einzelfallprüfung unterziehen, um eine Rehabilitierung zu erreichen. Diese soll künftig entfallen.
Michael Engelmann

 

 

Machtmensch Möllemann

Es war alles nur eine Frage Zeit. Irgendwann, das war klar, würden bei dem Münsteraner Möllemann wieder alle Sicherungen durchbrennen. Diesmal dauerte es lange. Doch wenn's um Macht geht, kennt Jürgen W. kein Erbarmen.

Und dieses Jahr geht es um's Projekt 18. Die FDP als Volkspartei. Boah ey.

Das hätte die FDP schon 1990 haben können, als etwa einhunderttausend neue Mitglieder aus den neuen Bundesländern in die Partei strömten. Damit diese Habenichtse auch ja nicht die Partei der Besserverdienenden dominieren, gab es einen schönen Delegiertenschlüssel für den Bundesparteitag, und Möllemanns Landesverband NRW stellte auch weiterhin die meisten Delegierten auf Bundesparteitagen der FDP. So scheiterte das Projekt einer (ost-)deutschen liberalen Volkspartei, die FDP verschwand 1994 in den neuen Bundesländern in der parlamentarischen Versenkung, nachdem Möllemann, zwischenzeitlich zum Vizekanzler befördert, wegen Vetternwirtschaft und frecher Lüge aus der Regierung Kohl gejagt wurde. Und die PDS sammelte die Wähler ein.

Doch Möllemann wäre nicht Möllemann, wenn er sich entmutigen ließe. Bienenfleißig baute er an seiner Karriere und schaffte das Comeback. Und faszinierte eine ignorante Öffentlichkeit mit dem Projekt einer liberalen Volkspartei. Boah ey.

Die FDP wurde hipp und frisch mit altem Personal, aber weil es für 18 Prozent noch nicht reichte, erinnerte sich Jürgen W. an die angebräunte Vergangenheit seines nationalliberalen Landesverbandes. Und versuchte es mit antisemitischen Sticheleien.

Eigentlich sollte mir Möllemanns Machtgier keine Zeile wert sein, aber wenn der meint, sich auf Kosten der Juden profilieren zu können, ist es dem Redakteur des Zauberhuts ein großes Vergnügen, sich ohne Wenn & Aber an die Seite unserer Juden zu stellen.

Andere reden, ich schreibe.
NK

 

 

Termine für Regenbogen-TV

Regenbogen-TV, das schwule Magazin im Stadtfernsehen tv münster, (Kabelkanal 3);

  • Mittwoch, 17.07. 18.30 Uhr und 19.30 Uhr Regenbogen-TV, im Stadtfernsehen tv münster, Kabelkanal 3
  • Mittwoch, 17.07. 22.00 Uhr Regenbogen-TV Videovorführung im KCM, Am Hawerkamp 31
  • Freitag, 19.07. 18:30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)
  • Samstag, 20.07. 18.30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)
  • Sonntag, 21.07. 18.30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)

Und natürlich auch im August...

  • Mittwoch, 21.08. 18.30 Uhr und 19.30 Uhr Regenbogen-TV, im Stadtfernsehen tv münster, Kabelkanal 3
  • Mittwoch, 21.08. 22.00 Uhr Regenbogen-TV Videovorführung im KCM, Am Hawerkamp 31
  • Freitag, 23.08. 18:30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)
  • Samstag, 24.08. 18.30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)
  • Sonntag, 25.08. 18.30 Uhr auf tv münster (Wiederholung vom Mittwoch)

 

 

Belarus - Eine Szene im Aufbruch

Es ist unverändert still um Belarus, dem unbekannten Land im Zentrum Europas mit seinem eigentümlichen politischen System. Nach wie vor ist eine Reise nach Belarus eine Reise hinein in die Transformation des sowjetischen Systems in eine marktwirtschaftlich funktionierende Volkswirtschaft, über der bis heute als Menetekel der Name „Tschernobyl” schwebt. Alles zusammen wirft enorme soziale und wirtschaftliche Probleme auf, erzeugt aber auch viel ausländische Hilfe und Solidarität. So gibt es allein in der Bundesrepublik etwa 500 (!) Initiativen und Vereine, die sich in Belarus engagieren.

„Belarus” leitet sich vom russischen „belii” für „weiß” ab und ist die eigene Landesbezeichnung für den im Westen bekannten Begriff Weißrußland. Das „Weiß” wird auf mehrfache Art gedeutet. Am Populärsten sind die Ableitungen aus der sehr verbreiteten weißen Farbe in Tracht und Landschaft (Birken) bzw. als Bezeichnung des frei gebliebenen russischen Landesteils im verheerenden Mongolensturm des 13. Jahrhunderts. In dessen Folge entwickelte sich Belarus in vielerlei Hinsicht zur kulturellen Übergangszone vom römisch-katholischen Westen (Polen) hin zum orthodoxen Osten (Rußland). Merkmale dafür gibt es reichlich in Architektur, Cuisine, Sitten und dem sich vom Russischen deutlich unterscheidenden Weißrussischen.

Dieses wunderschöne Land mit seinen beinahe 11.000 Seen und den unendlichen Wäldern macht es dem Inidividualtouristen jedoch nicht einfach. Die Probleme beginnen mit der Visapflicht; im heutigen Europa fast schon ein Unikum. Einmal dort eingetroffen, kommt man im Alltag ohne Russischkenntnisse nicht weit. Die sind schon deshalb notwendig, weil sie die Orientierung in einem kyrillisch geprägten Umfeld erst möglich machen. Offizielle Bezeichnungen für Gebäude und Straßen lauten oft auf das sprachlich verwandte Weißrussische - eine Hürde mehr. Erst das (Weiß)russische erlaubt den Zugang zu den Menschen, deren Gastfreundschaft mit dürren Worten nicht zu beschreiben ist; die Gastfreundschaft wurde bestimmt in Belarus erfunden. Mit Deutsch und Englisch bleibt man selbst bei jungen Leuten oft erfolglos, obwohl allein die Hauptstadt Minsk über 11 Universitäten verfügt und beinahe jeder zehnte Einwohner der Stadt studiert. Außerhalb des akademischen Milieus und auf dem flachen Land dominiert das Russische fast ebenso deutlich wie in Moskau oder Petersburg.

Erstaunlicherweise macht die Gay-Szene in dem Punkt keine Ausnahme. Die gibt es, in Ansätzen organisiert, nur in Minsk. Die belarussische Hauptstadt zieht mit ihren 1,7 Millionen Einwohnern Lesben und Schwule magisch an. Vom Äußeren her unterscheiden sie sich nicht von ihren Schwestern und Brüdern im Westen; generell geben die Minsker Burschen den Augen des Besuchers ein immerwährendes Fest. Andre Gide jedenfalls hätte seinerzeit statt nach Tanger ebenso gut nach Minsk gehen können. Seit 1992 der Paragraph 121 des sowjetischen Strafgesetzbuches ersatzlos wegfiel, ist Homosexualität straffrei, um gesellschaftlich unverändert geächtet zu sein. „Man weiß es von dem Betreffenden, aber es wird nicht darüber gesprochen”, schildert die Studentin Tatjana die generelle Situation. Das bunte Treiben wie in Deutschland mit seinen Events, den ehrenamtlichen Strukturen und den halbseidenen Aktiengesellschaften und Homoverbänden, das alles fehlt in Belarus. So schweigt sich auch der Spartakus aus, um die Situation doch nicht zu treffen.

Das warme Minsk bei Nacht ist keine Offenbarung. Aber seit einigen Jahren gibt es öffentliche Clubs und Veranstaltungen; seit dem Februar heißt das Mekka der Minsker Lesben und Schwulen „Babylon” in der Tolbuchina Nr. 4. Der Club dient zweifach wöchentlich als Diskothek und bietet darüber hinaus thematische Veranstaltungen an. Aber wie einer der beiden Geschäftsführer, Igor Shabetnik, äußerte, „ist Belarus zwar ein demokratischer Staat, aber kein homofreundlicher.”* So beeinträchtigte massiver staatlicher Druck im Sommer 2001 das erste nationale Homo-Festival in Minsk. Allerdings sind die Behinderungen meistens subtiler, sie beziehen sich nicht auf das Grundsätzliche. Sondern auf irgendwelche zweitrangige Bestimmungen, deren Nichteinhaltung die Schließung bedeutet. Folglich ist das „Babylon” auch nicht Igors erster Gay-Club, was den smarten Aktivisten nur beflügelt. Im „Babylon” selber tummeln sich Gäste aus Belarus, aus Kiew, Moskau und selbst Petersburg. Zu russischen und ukrainischen Clubs bestehen stabile Verbindungen, die die gesellschaftlichen Ressentiments mildern helfen. Der menschlichen Natur wird in den Cruising-Areas nachgegeben; der Gorki-Park ist dafür ebenso beliebt wie der Pleschka- und der Sieges-Park. In der warmen Jahreszeit erfolgt die Fleischbeschau vor allem am Minsker See, einige Kilometer nördlich der Stadt. In der kalten Jahreszeit treffen sich frau und mann gerne in den Banjas (Saunen) Nr. 1, 6 und 7 - wer dort hingeht weiß, warum. Der Rest läuft halt privat ab, man kennt sich und das tut dem Vergnügen keinen Abbruch. In jedem Falle gilt: Die Anfänge einer öffentlichen Artikulation sind gemacht - die Szene in Belarus ist im Aufbruch.
Michael Heß

* Das vollständige Interview mit Igor Shabetnik druckt der Zauberhut in seiner nächsten Ausgabe ab.

· Aktueller Wechselkurs: 1 EURO = 1670 BYB (Stand: Mitte Juni)
· Devisen können praktisch unbegrenzt eingeführt werden
· Für Reisen nach Belarus besteht Visapflicht
· Alltagssprache ist das Russische
· Das Schuzalter beträgt für beide Geschlechter 18 Jahre

· Weitere Reiseinfos können über den Autor bezogen werden

 

 

Günter Grass ist wieder da!

Günter Grass gehört zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Als Autor ist er nicht nur fleißig, sondern auch umstritten. Wurden seine Werke in den verflossenen Jahren von den Kritikern verrissen, so blieb ihm dieses Schicksal bei seinem letzten Buch „Im Krebsgang” erspart.

Berühmt wurde Grass um 1960 durch seine „Danziger Trilogie”. Darin taucht die kesse Tulla Pokriefke auf. In „Katz und Maus” etwa gelingt es ihr, den pubertierenden Joachim Mahlke durch einen schlichten Satz zum Masturbieren vor den Schulkameraden zu animieren, womit er allen beweisen konnte, wer den größten Dödel hat. Und der Satz, mit dem Tulla dies gelang, ist wirklich treffend und schön.

Grass bemüht die knochenleimige Tulla erneut für seine jüngste Novelle. Anfang 1945 flieht diese hochschwanger (ein Joachim kommt als Vater in Frage...) aus Danzig auf ein Schiff vor den anrückenden Sowjetsoldaten. Doch sie hat Pech: das Schiff ist die „Wilhelm Gustloff”, dies wird von der Roten Armee unter Beschuss genommen & versenkt. Ein historisches Ereignis: der Untergang des Schiffes hat mehrere tausend Menschenleben gefordert. Tulla kann sich retten und bekommt in der Aufregung einen Sohn. Von dem Ereignis kommt sie nie wieder los. Doch sie muss erleben, dass die größte Katastrophe der Seeschifffahrt nach dem Kriege von der deutschen Bevölkerung verdrängt wird, wie auch das Leid der Vertriebenen nicht thematisiert wird, folgt man Grass' Ausführungen.

Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Tullas Sohn lebt mit den Erinnerungen seiner Mutter, aber auch er verdrängt sie und wird als Journalist nicht über das Thema schreiben. Er heiratet, wird Vater eines Sohnes, die Ehe scheitert, Mutter und Kind verliert er bald aus den Augen. Umso mächtiger rückt das Internet in sein Blickfeld, das Internet mit seiner Geschwätzigkeit als Portal für kluge & dumme Ideen. Auf einer „Webpage”, professionell gemacht, wird über die Hintergründe des Schiffsunglücks berichtet, über den Namensgeber des Schiffs, seine braune Vergangenheit und seinen Tod als „Martyrer der Bewegung”. Die Internetpräsenz wird indes von einem Bewunderer der Nazis gemacht, der Ursache und Wirkung verkennt: erst waren die Untaten der Deutschen, denen der Hass ihrer Opfer folgte.

Und nun nimmt das Drama seinen Lauf: Macher der „Webpage” ist der Sohn des Ich-Erzählers, der Enkel von Tulla Pokriefke, die bei ihrem Sohn mit ihren alten Geschichten vom Leid und Elend der Vertreibung nichts mehr erreichen konnte, wohl aber beim Enkel. Der Enkel ist Feuer und Flamme für die Geschichte vom Unrecht an den Deutschen. Am Ende erschießt er einen ‚jüdischen' Gesprächspartner und Gegner, den er durch seine Internetarbeit kennen gelernt hat. Dem Mord an Wilhelm Gustloff durch einen Juden folgt sechzig Jahre später der Mord an einem ‚Juden' wegen Wilhelm Gustloff.

Die Geschichte, die der wortgewaltige Günter Grass da erzählt, ist nicht schlecht, aber wenn ich ehrlich bin: sie ist auch nicht wirklich gut. Sie ist flüssig geschrieben und windet sich durch zahlreiche Trampelpfade einen Weg zur Historie: Grass lässt seinen Erzähler auf Umwegen darlegen, wie genau das alles mit dem Mord an Wilhelm Gustloff und dem Untergang des Schiffes war, ohne, dass dies belehrend wirkt. Natürlich hat die Geschichte ihren schaurigen Höhepunkt und auch ihre Binsenweisheiten. Mehr noch: Grass spielt mit sich selbst und der Danziger Trilogie und läuft wirklich zur Höchstform auf - soweit ich seine wortschwangeren Bücher gelesen habe.

Aber, und nun kommt es eben. Wenn sich Grass der Person der Tulla bedient und sie wieder zum Leben erweckt, sollte man sie wiedererkennen. Dies ist mir nicht geglückt. Und nur ihretwegen habe ich das Buch überhaupt gelesen.

Auch die Aussage des Buches, die Deutschen hätten sich dem Elend der Vertriebenen nicht gestellt, kann und will ich nicht zustimmen. Ich halte diese Behauptung von Grass für schlichtweg falsch, und wer sein Buch genau liest, findet auch Hinweise darauf, dass dies so nicht stimmt. Mehr am Rande erfährt man, dass der Untergang der „Wilhelm Gustloff” Ende der fünfziger Jahre verfilmt wurde. Nun wissen wir alle, dass germanische Filme der fünfziger Jahre nicht gerade Brüller waren, aber wann wurde in dieser Zeit das Leiden der KZ-Häftlinge im bundesdeutschen Film thematisiert? Zur selben Zeit veröffentlichte Grass seine „Blechtrommel”, der zwei weitere Werke zur Geschichte des Danziger Niedergangs folgten. Gerade in den 50er & 60er Jahren waren die Forderungen der Vertriebenen ständig Gegenstand politischer Erörterungen. Eine fette Studie wurde in Auftrag gegeben, die das Leid der Verfolgung dokumentierte. Der Abschlußbericht allerdings war unerwünscht: die Historiker erinnerten die Politiker eben an Ursache und Wirkung. Und wenn deutsche Vertriebenen-Funktionäre noch in den 80er Jahren mit der Forderung „Schlesien bleibt unser” für politische Furore sorgten, dann darf sich niemand wundern, wenn es Leute gibt, die das nicht hören wollen.

Ja, den Vertriebenen wurde Unrecht angetan. Ja, es ist wichtig, sich auch dieser Menschen zu erinnern. Ja, auch sie wurden Opfer.

Indes: was Grass, der sich in der Vergangenheit große Verdienste erworben hat, an die untergegangene deutsche Kultur im Osten zu erinnern, bewogen haben mag, hier eine Politkeule zu schwingen, die vollständig unangebracht ist, bleibt mir unerfindlich.

Was soll's. Nett zu lesen ist sein Schmöker allemal.
NK

Günter Grass: Im Krebsgang,
Steidl Verlag
Göttingen 2002.

 

 

Ralf König kann´s nicht lassen

Ralf König gehört zu den bedeutendsten deutschen Comiczeichnern der Gegenwart. Nach einer Pause meldet er sich nun mit einem neuen Comic zurück, und diesmal sind es weniger die Schwulen, die ihr Fett abbekommen, diesmal sind es die Heterosexuellen, die für Spaß und gute Laune beim Lesepublikum sorgen. Oder genauer: es ist die deutsche Heterosexuelle, hier in Gestalt von Vera.

Vera Malkowski ist die junge, moderne, dynamische Frau von heute, die die emanzipatorischen Schriften einer Alice Schwarzer nicht nur gelesen, sondern auch verinnerlicht hat. Da trifft es sie hart, dass ihr Lebensgefährte Horst Bömmelburg sich ein Pornovideo reingezogen hat. Vera findet das entwürdigend und kündigt Horst die Beziehung auf.

In Horsts Leben treten umgehend zwei neue Personen. Er bekommt mit Sigi einen neuen Nachbarn, dessen schwule Beziehung auch gerade Schiffbruch erlitten hat. Sigi und Horst waren einst Klassenkameraden, und wie sich Sigi noch erinnern kann, konnte Horst schon damals beim gemeinsamen Onanieren mit den Kameraden diese durch die gewaltige Größe seines Gemächtes beeindrucken. Davon beeindruckt ist auch die Sängerin Kriemhild Nastrowa, die der Musiker Horst in der Folge weniger durch seine musikalischen Fähigkeiten entzück, sondern durch den schonungslosen Einsatz seines edelsten Teils, seines Penis halt.

Vera ist nicht glücklich über das traurige Ende ihrer Beziehung. Eine Freundin rät ihr, sie solle sich für ihren Horst aufrüsten und ihm die Nutte machen, da Männer nun mal auf so etwas stehen. Vera macht Horst die Nutte, aber es endet furchtbar. Ihre frauenbewegten Freundinnen erfahren davon und finden das entwürdigend. Für Vera wohlgemerkt, nicht für Horst. Am Ende finden sich Horst, Vera, Sigi und einige Pornostars in einer Talkshow wieder, wo die Probleme vor einem voyeuristischen Publikum gewälzt werden.

Das jüngste Werk von Ralf König ist eine reine Freude. Endlich darf er einmal richtig fies mit den Frauen umspringen, und man sieht: das macht ihm Spaß. Und dieser Spaß überträgt sich natürlich auch auf den Leser. Da König bereits die Macken und Mucken der Schwulen aufgespießt hat, war es an der Zeit, der jungen, dynamisch-modernen emanzipierten Frau von heute einmal zu nahe zu treten.
NK

Ralf König: Wie die Karnickel,
Achterbahn AG:
Kiel 2002.

 

 

Filmclub im KCM (proudly presents):

„Liebe in jeder Beziehung”

Eine fast perfekte Lovestory: Sie sucht einen Mann. Und er auch.

Der schwule George zieht nach der Trennung von seinem Freund als Untermieter bei der attraktiven Nina ein. Was als Notlösung gedacht war, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einer tollen Freundschaft. Als Nina erfährt, daß sie ein Kind von ihrem Freund Vince erwartet, stehen der Wohngemeinschaft jedoch ungeheure Turbulenzen ins Haus. Denn anstatt sich mit Vince auf das Baby zu freuen, möchte sie es mit dem Mann aufziehen, der ihr so nah wie kein anderer steht - George. Als Nina erkennt, daß sie sich in ihn verliebt hat, verwandelt sich ihr Leben in eine einzige Achterbahnfahrt, denn auch das Objekt ihrer Begierde hat sich verliebt. Allerdings in einen Mann!

Am Freitag, 12. Juli ab 20:00 Uhr im KCM

 

„Club der gebrochenen Herzen”

Thema: „Schwule Familie und andere Grausamkeiten...”

Dennis, ein schwuler Fotograf steht kurz vor seinem 28. Geburtstag und stürzt in eine satte „Midlife-Crisis”. Er macht sich von Tag-zu-Tag mehr Gedanken über sein Leben, seine Freunde, sein Liebesleben und die damit verbundenen Probleme.

Liebe, Beziehungen und das Auf und Ab in der Freundesgruppe sind Themen unter die Haut gehen!

Am Freitag, 09. August ab 20:00 Uhr im KCM

 

 

 

Kleinanzeigen

 

Wir fordern...
das „Such die E.”-Spiel endlich wieder zurück in den Zauberhut! Und zwar endlich als offizielles Gewinnspiel mit wertvollem Buchpreis! Adriane, Barbara R., Barbara H., Judith, Martin E. (Wer ist E.? Fragt der N.)

 

>Regenbogenliste:
Schwule Mailingliste für Inhaltliches (Schwulenpolitik, Termine, Aktivitäten, Kommentare zu Ereignissen, Meinungen, Erfahrungsberichte, Coming-Out, Beziehung, Liebe, usw.): http://www.beepworld.de/members/regenbogenliste regenbogenliste@web.de (Münster/Münstersche Bucht) Interessierte Schwule können sich einschreiben, sich einklinken, durch schicken einer LEEREN E-Mail an regenbogenliste-subscribe@domeus.de.

 

Ein megagrosses Lob...
an Roland für den total tollen Sonntag mit dem Kaffee im KCM - mach weiter so! Thomas und Peter, Olaf und Martin

 

Good bye, Bernd!
War schön mit Dir.

 

Auch der Augenblick,
in dem man seine Zelte abbricht, muss gut gewählt sein. (Siegfried Lenz)

 

Das haben wir besonders gerne:
Nicht mit Geld umgehen können, aber anderen die Ehe predigen!

 

Lieber Wolfgang,
danke für Deine Geburtstagsgrüße.

 

Der Historiker haut nicht ...

 

Mittwochs im KCM,
Klönen, günstig trinken, Spaß, schwule Bibliothek und vieles mehr...

 
Kleinanzeigen können im
Zauberhut und bei muenster.gay-web.de
aufgegeben werden.

 

Impressum

Zauberhut,
c/o KCM - Schwulenzentrum Münster e.V.,
Postfach 4407, 48025 Münster,
Tel. 0251/665686, Fax. 0251/665661,
E-Mail: zauberhut@muenster.gay-web.de.
Mitarbeiter dieser Ausgabe: Michael Engelmann, Michael Heß, Timo Kerßenfischer, Norbert Korfmacher (ViSdP), Peter Kramer (Satz), Markus Schröder, Manfred Wessels
Umsetzung für das Internet heinz@muenster.gay-web.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel
geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe gekürzt abzudrucken.
Auflage: 900
Redaktionsschluß für die nächste Ausgabe jeweils am 10. des Monats

Texte, die veröffentlicht werden sollen, gebt bitte in lesbarer Form als
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