Schwules in Münster - April 2000

 

Zauberwort

Die triste Zeit des trüben Wetters nähert sich dem Ende, die Sonne scheint an den Abenden länger, die Hormone sprießen, das Frühjahr steht vor der Tür und läutet hoffentlich einen schönen, warmen Sommer ein. Mit Engagement macht sich eine Gruppe auf, das KCM auf dem CSD in Köln zu vertreten, die Öffentlichkeits-AG rüstet für ein neues Standfest, das Volk fiebert der Wahl im Mai entgegen. Und der „zauberhut” präsentiert sich mit einem neuen Mitarbeiter: Bernd Fehr übernimmt ab sofort das Layout, Ecko bleibt verantwortlicher Redakteur.

Über viele Aktivitäten der letzten Wochen berichte auch diese Ausgabe. Nach einigem Zögern haben wir uns entschieden, einen sehr kritischen Artikel über das „lebensFEST” zu veröffentlichen. Er gibt allerdings nicht unsere Meinung wieder, doch das muß er auch gar nicht.

Warme Grüße
Ecko

 

 

Erkenntnisse aus dem Vorstand

Liebe Närrinnen und Narren, der Münsteraner ist nicht karnevalistisch veranlagt? Er läßt sich nicht mit dem Fasching ein?

Doch! Ich habe mich mit dem Thema auseinandergesetzt und einiges gefunden, was sehr interessant ist: Ursprünglich leitet der Karneval mit der Fastnacht die Fastenzeit ein. Langweilig!

In Köln gab es Karneval bereits seit 1234, aber immerhin: der erste verbürgte Umzug irgendwelcher Zünfte fand 1609 in Münster statt! Na, ist ja schon interessanter. Münsters Karneval hat also Tradition.

Karneval stammt wahrscheinlich aus dem Lateinischen und bedeutet entweder „carne vale” Fleisch lebe hoch oder „carnelevale” = Fleischwegnahme. Die Kirche selbst übersetzte dies mit „Fleisch zeigen”.

In Mainz ruft man „Helau”, was soviel wie „Hoch” heißt. In Köln rufen die Jecken „AlaaV', was „Alles andere weg” bedeutet.

Wenn Ihr nun mal so richtig Karneval feiern wollt, geht das folglich so: Ihr müßt an die Kirche denken, damit er Fleisch zeigt, „Alaaf' rufen, damit er sich auszieht, „Carne vale” machen, damit er erigiert und Potenzstörungen mit „Helau” („Hoch”) bekämpfen und bei Nichtgehorsam mit „carnelevale” (Fleischwegnahme) drohen.

Ich habe nun den Geist des Karnevalfestes verstanden. Aber warum macht man das nur einmal im Jahr? Ich wünsche Euch ein Münster „Aloha” und verspreche, daß ich nicht nachgesehen habe, was das schon wieder bedeutet!
Euer Fabian.

Was lehrt uns das? Wenn Vorstandsmitglieder Zeit für solche Recherchen haben, kann die Arbeitsbelastung so groß nicht sein...

 

 

Mit Sicherheit?

Seit über zwei Jahren steht an jedem Freitagabend ein Sicherheitsdienst vor den Eingangstoren zum Hawerkampgelände und kassiert von allen Autofahrern 2 DM Unkostenbeitrag.

Von allen? Vielfach leider ja, obwohl mit deren Auftraggebern, dem „Fusion”, vereinbart wurde, daß Besucher des KCM wie gewohnt kein Parkentgeld zu entrichten haben.

Das KCM zahlt mit euren Mitgliedsbeiträgen schließlich jeden Monat Miete, und da müßt ihr nicht auch noch privat für die gleiche Fläche zur Kasse gebeten werden. Auf diese Regelung haben wir vom Vorstand im vergangen Monat nochmals schriftlich hingewiesen, nachdem wir bei verschiedenen Veranstaltungen zwischen dem Sicherheitsdienst am Tor und dem Büro des Fusion gependelt sind, um Gedächnishilfe zu leisten.

Sollten in Zukunft nochmals von euch Parkgebühren verlangt werden, obwohl ihr dem Sicherheitspersonal gesagt habt, das ihr zum KCM wollt, so sagt doch bitte an der Kasse oder jemandem von uns Bescheid.

Vielen Dank
Euer Vorstand

 

 

Jahrtausendtöne

Konzert für Prof. Liesert in Borne

Die Auftritte der vergangenen Jahre haben den niederländischen Projektchor „Vir Quadraat” auch in Münster bekannt gemacht. Unter Leitung von Professor Jan Heijmink Liesert entwickelte sich das Ensemble zu einem der besten Laienchöre der Region Twente.

Aber „Vir Quadraat” ist nur ein künstlerisches Kind von Liesert. Das „Consortium Vocale Twente” „De Troubadours” und „Het Twents Bachkoor” zeigen schon im Namen die Spannweite seines Schaffens auf.

Zufällig fallen Lieserts Geburtstage auf den von J. 5. Bach (*1685) - Grund genug für die vereinten Sänger, dem stets verschmitzten Jubilar zum 65. Jubeltag ein ganz besonderes Ständchen zu bringen. Am 21. März folgten Mitglieder der Niederlande-AG der Einladung zur Dankessingung im niederländischen Borne.

In der dortigen Stefanuskirche fügten sich die Beiträge der Liesert'schen Chöre unter dem Signum „Der musikalische Geist eines Jahrtausends” zu einer tönenden Reise durch eben dieses und die sichtliche Freude der vielen vielen Sänger und Musiker war der schönste Dank für den Jubilar. Denn es waren auch 50 Jahre eines bewegten künstlerischen Schaffens vom Hilfsorganisten zum Chordirigenten zu feiern.

Die überwältigende Fülle von künstlerischen Aktivitäten macht es heute unmöglich, den Weg Lieserts zu einem landesweit populären Vollblutmusiker in jedem Detail nachzuvollziehen. Mit einem geselligen Zusammensein bis spät in die Nacht klang diese eigenwillig-schöne Geburtstagstour aus. Es war wirklich einmal ein anderer Abend, der uns lange, sehr lange in angenehmer Erinnerung bleiben wird.
MH

 

 

KCM und Recht

Schwule vor Gericht

Unter diesem Motto hatte die Gruppe „Gay & Grey” am 16. Februar in den Seminarraum des KCM zu einem Vortrag von Dr. Norbert Korfmacher eingeladen. Dieser erforscht auf einer AIM-Stelle für das KCM die schwule Geschichte Münsters in den 50er und 60er Jahren, und sein Vortrag sollte einige seiner Forschungsergebnisse präsentieren.

Da ich leider noch nicht ganz das vorgeschriebene Alter für die Gruppe erreicht habe, war ich froh, daß auch Gäste bei dieser Gay-and-Grey-Veranstaltung willkommen waren. So konnte ich mich in ebenso informativer wie kurzweiliger Weise darüber informieren, wie Gerichte der Nachkriegszeit mit Sexualität - insbesondere schwulem Sex - umzugehen pflegten. Denn für seinen Vortrag hatte „Dr. Norbert” wie er liebevoll genannt wird, die „schönsten” Fälle von „Unzucht” aus den Gerichtsbeständen des Staatsarchivs herausgesucht.

In der Tat: Obwohl die Verfolgungssituation für die damals Betroffenen natürlich sehr betrüblich - teil- weise existenzzerstörend - war, kann sich der heutige Betrachter eines gewissen Schmunzelns oder sogar Lachens nicht erwehren, wenn er die Borniertheit, Prüderie und Ignoranz jener Zeit vorgeführt bekommt, die sich durchaus auch gegen heterosexuell veranlagte Menschen richten konnte. Das merkte man auch dem Vortragenden an, der sich bei allem Ernst einen Spaß daraus machte, die Behörden durch den Kakao zu ziehen.

Nach fast zwei Stunden wollte er den Vortrag beenden, was das Auditorium nur zögernd gestattete. Und am Ende hieß es: „Dr. Norbert, wir danken dir!”
PK

 

 

Schwule im TV

„Oh mein Gott!”

Seit Carsten Flöter sich 1986 in der „Lindenstraße” als schwul outete, hat sich viel getan im deutschen Fernsehen. Heute gibt es in fast jeder Serie einen Quoten-Schwulen. In der genannten „Lindenstraße” genießt Carsten Flöter mit dem Lebensgefährten Vaterfreuden. Dabei zieren sich die Autoren der Serie nicht, dem staunenden Publikum eine vollkommen verkitschte Geschichte um einen süßen Jungen zu servieren, der HIV positiv ist, während die liebe Mama im AIDS-Siechtum begriffen ist.

Der Nachwuchs hat es in der „Lindenstraße” ohnehin schwer: Entweder er wird erst gar nicht geboren oder stirbt eines unnatürlich frühen Todes. In der „Verbotenen Liebe” gab es schon immer Platz für Homos.

Momentan ist Schnuckel Uli bei einem haarigen Arzt gelandet. Obwohl Uli zahlreiche Mädels im Verlauf der Serie umgelegt hat, findet er sich als Schwuler wieder. Beide führen jetzt eine Musterehe, die Volker Beck und allen Heteros Tränen in die Augen treiben würde. Wobei der Titel der Serie zur Vermutung berechtigt, daß es anders kommt.

Und auch im „Marienhof” tummelt sich jetzt ein Homo. Doch der kommt mindestens vierzig Jahre zu spät. Der gute Mann ist Musiker, steht auf junge Knaben und setzt sein Talent ein, um eben solche jungen Knaben - ZU VERFÜHREN! „So ein Schwein.” denkt man da (vielleicht) und fürchtet um die nicht mehr vorhandene Unschuld des hübschen Tobias, der diesem Lüstling zu verfallen droht. Und nun frage ich mich: Wird Tobias dem Widerling widerstehen können? Wieso kann er eigentlich plötzlich Klavier spielen, wo 500 Folgen lang als tumbe Nuß durch die Serie geisterte? Warum wird eine Geschichte aus dem Repertoire der 50er Jahre heute erzählt? Will ich darauf eigentlich Antworten wissen? Fragen über Fragen...
NK

 

 

Eingetragene Partnerschaften

Am 18. April 2000 um 20.00 Uhr findet im Jugendgästehaus der Stadt am Aasee eine Veranstaltung des KCMs in Zusammenarbeit mit dem Völklinger Kreis e.V. zum Thema „Eingetragene Partnerschaften” statt. Am französischen Beispiel sollen Vertreter der fünf im Bundestag vertretenen Parteien (SPD, CDU, Grüne, FDP, PDS) über Chancen und Risiken solcher Modelle für Deutschland reden.

 

 

Sterben und Moneten

Gedanken zum Lebensfest

Vor Jahren erzählte mir ein Bekannter von der Damenrunde seiner Mutter. Die millionenschweren schwäbischen Unternehmergattinen pflegten regelmäßig zusammenzukommen, um Pullover für „die armen Neger” zu stricken (afrikanische Nächte können bekanntlich sehr kalt werden). Dabei glucksten die Damen zufrieden vor sich hin im Bewußtsein, eine wirklich gute Tat zu vollbringen. Was „die armen Neger” davon hielten, ist leider nicht bekannt.

An diese Geschichte wurde ich erinnert beim Betrachten der Plakate zum Lebensfest. Sterbenden zu helfen muß doch eine gute Sache sein - denkt man zuerst. Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß: Millionenschwere Geldgeber, saftige Preise und nirgendwo der Hinweis auf die AIDS-Hilfe. Das könnte brave Bürger abschrecken. Die gerne zahlen „für den guten Zweck”. Ohne viele Fragen vermutlich. Götz Alsmann, die Manfrett-Singers und Günther Rebel werden kaum für lau auftreten. Rolinck und Granini kaum Verluste sponsern und die Halle Münsterland möchte ganz sicher auch verdienen.

Zum Eintritt von 45 DM kommen noch Getränke hinzu - mit 100 DM generös dabeizusein dürfte nicht schwerfallen. Zum Vergleich: Mit dieser Summe muß der Haushalt eines Sozialhilfeempfängers eine Woche lang auskommen. Was also hat das Ganze noch mit Benefiz, mit „schwuler Solidarität” gar, zu tun? Nichts, weil die Sterbenden ungefragt für den guten Zweck herhalten müssen.

Die Besucher des Lebensfestes subventionieren letztendlich die beteiligten Unternehmen, auch die Lebenshaus gGmbH. Selbst als gemeinnützige GmbH unterliegt sie der knallharten Konkurrenz am heiß umkämpften Markt der Bedürftigkeiten. Eine direkte Spende käme auf dasselbe heraus, um schneller beim Empfänger zu sein.

Denn um das Ganze konkret zu machen, sei die Frage erlaubt, wieviel Prozent der Einnahmen den Bedürftigen wirklich zu Gute kommen. Die Lebenshaus gGmbH darf gerne antworten.
Damian Sinter

Anworten und Anmerkungen bitte an den Zauberhut

 

 

Filmclub im KCM:

Am Karfreitag fällt der Filmclub aus.

 

 

Lesung mit Olaf Eigenbrodt

Erlesen-Erlebtes VIII.

Ist das die Liebe der Matrosen? - Das ist die Liebe der Matrosen!

Im April trete ich in die Fußstapfen der berühmten Marlene Dietrich (Film unbedingt vermeiden!) und trete „for the Boys” auf. Zum Einen ist es gelungen, mich für die Lederfete zu gewinnen, wo ich „Dirty Stories” zum Besten gebe (was zieh ich da bloss an?), zum anderen sind die Matrosen endlich am Start (was ich da anziehe kann sich jeder denken). Matrosen haben ja bei Schwulen einen ganz besonderen Stellenwert, sind sie doch Projektionsfigur erotischer Träume und Symbole für die Unerfüllbarkeit der Liebe gleichzeitig. Der Vorteil der Matrosen: sie schwören einem erst gar nicht die Liebe, die sie sowieso nicht aufbringen, sondern sind schon wieder auf dem Meer, bevor man überhaupt realisiert hat, dass man eine gewisse Zeit mit ihnen verbracht hat. Eigentlich die ehrlichsten Männer überhaupt (ich weiß, wovon ich rede). Und dann die erotischen Träume (schwelg): starke Jungs, die ausgehungert nach Wochen auf dem Meer in den Kiez stürzen, nach Salz und Seetang riechen und diese tollen Uniformen anhaben. Auf dem Schiff nur Männer, die in dienstfreien Nächten gemeinsam... aufwachen! Erstens gibt es solche Matrosen gar nicht mehr und zweitens war dieses Bild immer nur eine Projektion. Als schwule Ikone sind sie deshalb doppelt geeignet. So ist der Matrosenlook sicher eine des beliebtesten Verkleidungen bei Schwulen. Als ich über die Huschparty geflattert bin, durfte ich einige hübsche Exemplare bewundern. Und natürlich ist über die Träume, Sehnsüchte und Phantasien, die sich mit den Matrosen verbinden eine Menge geschrieben worden. Daraus möchte ich eine Auswahl präsentieren, die sicher ein breites Feld von mörderischen Stories über prickelnde Zeilen bis zu romantisch-kitschigen Versen eröffnet. Nicht nur der Matrosenliebhaber wird da auf seine Kosten kommen...

Also: am 1. April auf der Lederfete die „Dirty Stories” für Lederkerle und die Infanterie und wie gewohnt am 14. April um 20:30 Uhr Erlesen-Erlebtes mit Matrosen, die ja bekanntlich der Liebe Schwingen sind.
Bis dahin schönen Frühling, Olaf

Samstag, 01. 4. auf der Lederfete

Freitag, 14. 4. um 20:30 Uhr im KCM

 

 

Impressum

Zauberhut,
c/o KCM Schwulenzentrum Münster e.V.,
Postfach 4407, 48025 Münster,
Fax 0251/665661,
E-Mail: zauberhut@muenster.gay-web.de.
Redaktion: Ecko Schreiber (V.i.S.d.P.)
Layout: Bernd Fehr
Mitarbeiter dieser Ausgabe:
Michael Heß, Michael Karshüning, Norbert Korfmacher, Peter Kramer, Fabian Löw
Umsetzung für das Internet heinz@muenster.gay-web.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel
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Redaktionsschluß am 15. des Monats.

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