Schwules in Münster - Januar 2000

 

Das sind Volksfeinde!

Am 23. Januar wird im Wolfgang-Borchert-Theater die Ausstellung „Das sind Volksfeinde!” eröffnet, die das KCM zusammen mit dem Theater präesentiert. Die Ausstellung gibt Einblick in das schwule Leben einer Großstadt vor 1933.

Wie viele andere auch wurden Schwule und Lesben durch die Machtergreifung Hitlers in ihren Lebensmöglichkeiten massiv eingeschränkt. Der § 175, der Sex unter/zwischen Männern unter Strafe stellte, wurde erheblich verschärft. Die Verfolgung nahm massiv zu. Die große Masse wurde grau und tauchte unter in der noch größeren Masse des gleichgeschalteten Volkes. Denunzierungen waren im ‚Dritten Reich' an der Tagesordnung: Kinder verpetzten ihre Eltern, Untergebene beschuldigten ihre Vorgesetzten, Nachbarn verrieten Nachbarn, Stricher zeigten Freier an und angezeigte Freier verpfiffen wiederum andere Homosexuelle. So war es im Grunde nur eine Frage der Zeit, ein Glied in dieser Kette der Verleumdungen zu werden, um vielleicht doch die eigene Haut zu retten.

Wer den Terror überlebte und auf Besserung hoffte, sah sich getäuscht: erst 1969 wurde der § 175 erheblich abgeschwächt, 1994 endlich abgeschafft. Die Ausstellung widmet sich dem düstersten Kapitel der Verfolgung von Lesben und Schwulen in unserem Land.

Zur Eröffnung am 23. Januar 2000 um 11 Uhr im Wolfgang-Borchert-Theater sind Interessierte gerne willkommen.
NK.

 

 

Akzeptanz und Methode

Auf Wunsch des KCM Vorstandes fuhren Michael Karshüning und Martin S. nach Düsseldorf zu einem klärenden Gespräch mit dem Ministerium für Frauen, Familie, Jugend und Gesundheit. Von Seiten des Ministeriums nahmen Frau Dr. Daniela Grobe, (als Vertretung für den kurzfristig nach Israel verreisten Vorgesetzten Dr. Harms) Herr Dr. Pascal Belling vom Referat für gleichgeschechtliche Lebensweisen sowie Frau Mank teil.

Schwerpunkte des ausführlichen Gesprächs waren die professionellen ehrenamtlichen Strukturen des KCM als größtes schwules, soziokulturelles Zentrum in NRW und den sich daraus ergebenen Konsequenzen als Folge der Arbeitsmethoden des Referates für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Hier sollten nach Wunsch des KCM, Wege gesucht werden, um auch künftig zusammenarbeiten zu können, wie das bisher bei dem psychosozialen Beratungsprojekt des Landes NRW unter anderem schon geschieht.

Im Laufe des Gespräches stellte Frau Dr. Grobe jedoch fest, daß es „Inkompatibilitäten” in den Strukturen beider Institutionen gebe, auf die ein Landesministerium in der Umsetzung von Beschlüssen der Landesregierung nicht Rücksicht nehmen könne. Dr. Belling betonte darüber hinaus den ausschließlich verwaltenden und ausführenden Charakter des Landesreferates...

Wie das KCM mit diesen „Inkompatibilitäten” und den daraus ergebenen Schäden für das KCM durch Verlust von ehrenamtlich tätigen Profis umgehen kann, wird der Vorstand beraten und sich mit den anderen betroffenen Gruppen und Initiativen in NRW besprechen. Sicher ist jedoch, das der Vorstand alles unternehmen wird, um die ehrenamtlichen Strukturen, die nicht nur das KCM groß gemacht haben, weiterhin zu erhalten. Denn: was sind Münster, Essen oder Dortmund ohne die ehrenamtlichen Gruppen und Initiativen?

 

 

Lederfete im KCM

Unübersehbar steigt das kommerzielle Partyaufkommen in Münsters schwuler Szene. Die Non Profit-orientierte Lederfete im KCM ist heute fast schon ein Exot. Und alle Monate wieder wird deren Erlös traditionell zwischen dem gastgebende KCM und der pekuniär stets bedürftigen AIDS-Hilfe aufgeteilt. Diesmal gingen 900 Mark an das KCM, wofür sich dessen Vorsitzender Michael Karshüning herzlich bedankte. „Nichts zu danken und gerne geschehen,” meint nun das Team der Lederfete und deswegen auf ein Neues im kommenden Jahr.
Michael Heß

 

 

Mehr als nur Parties

Die Bilanz der NL-AG 1999

Intelligente handgemachte Projekte mit internationalem Flair - am Credo der Niederlande-AG hat sich nichts geändert. Wider den beliebig-unverbindlichenen (schwulen) Zeitgeist. Engagement, Verbindlichkeit, Professionalität sind einige der Zutaten für das erfolgreiche Rezept. Es wird nicht feste gefeiert, sondern es gibt vor allem feste Kontakte: nach Doetinchem. Enschede, Hengeb und Weerselo. Daneben zu kulturellen, religiösen und sozialen Gremien in Münster und umzu.

Der (!) Höhepunkt in der Arbeit der AG war das Jubiläumskonzert von „Vir Quadraat” und Louis ten Vregelaar am 17. Oktober in der Erlöserkirche. Im besten Sinne eine Dienstleistung für das KCM (vgl. auch Zauberhut Nr. 10/99), symbolisierte sich das Erreichte mustergültig: ein schwul-lesbisches Kulturzentrum feiert in einer Kirchgemeinde mit ausländischen Künstlern und Gästen sowie reichlicher lokaler Prominenz seinen Jahrestag. Das mitgeschnittene Masterband rechtfertigt die Produktion einer CD, die es folglich bald geben wird.

Vom Aufwand her tiefer gehangen, aber ebenso wichtig: die Basisaktivitäten der AG. Zum Beispiel die jährliche Fietstocht (in diesem Jahr war's eine Pannentocht), die ebenfalls jährliche Kanalfete zusammen mit Gay And Grey und der Thekentruppe sowie, stilecht, Sinter Claas. Sonst: viele private Anfragen und die Vermittlung von Adressen, Serviceleistungen und und und... Übrigens auch gerne wieder ein Sprachkurs.

Naturgemäß unauffällig war der zweite Schwerpunkt der Arbeit: Die Pflege bestehender Kontakte. Der Zugang zur musikalischen Szene der Region Twente ist besonders zu erwähnen. Im November wurden im niederländischen Weerselo die Kontakte fürs kommende Jahr umrissen; der komplette Arbeitsplan der AG wird traditionell erst im Februar in Hengelo erstellt. Große Erwartungen werden in den Kontakt zur Stichting Homoseksualiteit Achterhoek SHA in Doetinchem gesetzt. Mehrfache Besuche und der Wille zu gemeinsamen Aktionen sind ein solides Fundament für die kommende Zeit. Da es auch wieder Anfragen vom C.O.C. in Enschede gibt, sind die Drähte über die Grenze so gut wie seit Jahren nicht mehr.

Über unsere ambitionierten Vorhaben 2000 gibt es im nächsten Zauberhut etwas zu lesen.
Michael Heß

 

 

Schwul- Lesbische Landespolitik

F.D.P. in NRW für Eingetragene Partnerschaft und Stärkung der Initiativen vor Ort

Der Landesparteitag der F.D.P. in Nordrhein-Westfalen beschloß Mitte Dezember in Düsseldorf die Aufnahme der Einrichtung eines Rechtsinstituts „Eingetragene Partnerschaft” in das Landtagswahlprogramm der F.D.P. ein. Die Initiative kam dabei aus dem Kreisverband Münster und wurde mit großer Mehrheit unterstützt. Auf diesem Wege soll über eine Initiative im Bundesrat, der Bundestag dazu gebracht werden, den seit Sommer letzen Jahres vorliegenden Gesetzentwurf nicht weiterhin von der Tagesordnung abzusetzten. Außerdem wurde beschlossen, daß sich die F.D.P. dafür einsetzten werde, daß die vom Land NRW derzeit bereitgestellten Fördermittel über die landesweiten Netzwerke der Initiativen unmittelbar den Projekten vor Ort zugute kommen sollen.
M.D.

 

 

Schwul-Lesbisches Netzwerk stellt Bürgerantrag auf Erhalt der Arbeitsstelle Antidiskriminierung

Den Bürgerantrag zum Erhalt der Arbeitsstelle Antidiskriminierung der Stadt Münster wurde von Vertretern des Schwul-lesbischen Netzwerkes eingereicht. Der Oberbürgermeister Dr. Bertholt Tillmann bekräftigte ein weiteres Mal seine positive Grundhaltung dieser Arbeit gegenüber. Als Vertreter des Netzwerkes waren die Institutionen KCM, HoBis, yohos@muenster.de, LiVas, LSVD und YOUNGS! bei der Übergabe vertreten. Das schwul-lesbische Netzwerk eint jedoch fast die gesamte Szene Münsters, die sich hinter diesen Antrag gestellt hat.

 

 

Knabenmorgenblütenträume

eine Lesung für Detlef Meyer von Olaf Eigenbrodt

Ich hoffe, Ihr habt Euch Sylvester nicht zu sehr verausgabt und seit aufnahmefähig für die kulturellen Herausforderungen der - jetzt ja endlich eingetretenen - Zukunft.

Knabenmorgenblütenträume - besser als Herr Goethe, dessen Jahr nun auch verflossen ist, kann man es ja gar nicht ausdrücken. All die verträumten Geschichten von scheuen Knaben, erblühender Männlichkeit, irgendwo zwischen Erwachsensein und Jugend... Geschrieben von den 'großen Poeten' - und den kleinen Autoren. Der Eros oft nur subtil, oft auch sehr deutlich anwesend.

In der griechischen und hellenistischen Antike verehrte man die Liebe zu den Knaben und erhob den Eros in abstrakter Form zum Staatsprinzip. Nach zwei Jahrtausenden christlicher Kultur des Abendlandes schwanken wir zwischen der Debatte um den Missbrauch von Jungen und dem Fetisch immer jünger aussehender, sexualisierter Jungstars. Angefangen bei den Boys diverser Bands Nick, Gil, Moffats Hansons, über den gefeierten 'looks like a boy' Leonardo bis zu den androgynen Schönheiten der Mode - Pubertät ohne Pickel. „Gerade 18” als juristisch abgesichertes Schlagwort der Pornoindustrie.

Irgendwo über diesem Königreich der Bigotterie schweben die Texte. Oskar Wilde und Thomas Mann um die letzte Jahrhundertwende, antike und arabische Loblieder auf den geliebten Knaben, neue Werke, die sich dem Widerspruch von Verehrung und Päderastie nicht entziehen können und wollen. Im Knaben wird die Schönheit gefeiert, die homosexuelle Liebe entdeckt, oder einfach nur ein Sexualobjekt gesehen. Ferne Unberührbarkeit, tiefe Zuneigung - Kollision mit einer brutalen Medienwirklichkeit. Dabei sind die Jungen Verführung und Unschuld zugleich, ähnlich ihren weiblichen Lolita - Gegenstücken.

Gewidmet ist diese Lesung dem wohl bekanntesten Autor der Gegenwartsliteratur, der schwules Leben und Lieben zu seinem Thema machte. Detlef Meyer hat mit seiner 'Biographie der Bestürzung' und seiner Lyrik Eingang in die Feuilletons gefunden, aber auch mit dem 'Liebeslesebuch' und seiner Nähe zum Gemüt vieler Schwuler eine weite Verbreitung erfahren. Vielleicht der Beweis, das Sex nicht das einzige ist, womit man schwule Leser aus dem Darkroom locken kann. Er ist am 30. Oktober 1999 gestorben, was nicht nur für viele schwule Leser einen Verlust bedeutet.

 

 

Filmclub im KCM:

Unendlich heterosexuelle Weiten: Homosexualität in Star Trek

Star Trek bzw. Raumschiff Enterprise ist nicht nur die erfolgreichste Fernsehserie aller Zeiten, sondern auch schwuler und lesbischer Kult. Schwule und lesbische Fans Können hier von einer Akzeptanz aller Lebensformen Träumen, auf den Kitsch der Classic-Serie der 60er Jahre abfahren und die körperbetonten Uniformen bewundern.

Es ist jedoch kaum bekannt, daß in den Weiten der Galaxien nicht nur Russen und Romulaner, Franzosen und Ferengi, sondern auch Schwule und Lesben zu finden sind. Man muß sich jedoch die mehr als 550 Folgen der unterschiedlichen Crews, die seit 1966 produziert werden, schon sehr genau ansehen, denn Paramount hat sich teilweise große Mühe gegeben, Homosexualität unauffällig einzupacken: Da gibt es Männer mit abgespreizten Fingern, die auffällig effiminiert sprechen, ein Androide, der durch einen technischen Defekt in seinen Schaltkreisen kurzzeitig seine Vorliebe für Klingonen entdeckt oder eine Anmache in einem Paralleluniversum durch das eigene Ebenbild als Ausdruck narzistischer Liebe. Die Bandbreite reicht von homophob bis emanzipatorisch. Ob als Travestieklamotte, in Zusammenhang mit formwandlerischen Wesen oder der Thematisierung von Geschlechterrollen. Erwin In het Panhuis vom Centrum Schwule Geschichte in Köln hat mehr als 30 schwul/lesbische Szenen (und solche, die so interpretiert werden können) zusammengetragen. In Verbindung mit einem Vortrag stellt er diese Filmszenen vor, erläutert Zusammenhänge und Hintergründe. Eine Einladung zu einer Zeit (Geist)reise über ein Stück nicht nur amerikanischer Filmgeschichte, wo Homosexualität zwischen Diskriminierung und Kommerzialisierung eine nicht unbedeutende Rolle spielt.

 

 

Impressum

Zauberhut,
c/o KCM Schwulenzentrum Münster e.V.,
Postfach 4407, 48025 Münster,
Fax 0251/665661,
E-Mail: zauberhut@muenster.gay-web.de.
Redaktion: Ecko Schreiber (V.i.S.d.P.)
Layout: Hilmar Bastian
Umsetzung für das Internet heinz@muenster.gay-web.de

Namentlich gekennzeichnete Artikel
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Redaktionsschluß am 15. des Monats.

(Diese Ausgabe wurde nie gedruckt.)