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"Wenn er zurückblickte, nach den Jahren einer schmerzhaften Ausbildung in der schwierigen Kunst, Frauen zu verführen, dann begriff Colin, daß sich ähnliche Szenen mit vergleichbarer Lust nicht wiederholen würden, wie wundervoll seine Partnerinnen auch immer wären, denn bei Lucas hatte er die Rolle eines Mädchens gespielt."(Alte Knaben) Nur ein Moment in einem der literarischen Streifzüge durch das schwule Europa. In Zeiten eines penetrierenden amerikanischen Kulturimperialismus wirkt der Untertitel fast anachronistisch, doch auch wie ein Programm. Tatsächlich verbergen sich unter dem Buchdeckel aufregende und anspruchsvolle Streifzüge, die sich in einunddreißig Geschichten von neunundzwanzig Autoren aus sechsundzwanzig europäischen Ländern einteilen lassen.
Äußerlich haben sie nicht viel gemeinsam, die Helden dieses Buches. Der aggressive Macho in Jaroslaw Magutins Sentimentale Kotze 1 & 2, der alternde, desillussionierte Lover in Frans Kellendonks Die Idioten, die beiden, ihre Liebe entdeckenden Schüler in Ádám Nádasdys Englischer Walzer oder der ob seiner Sehnsucht zu einer Transe verwirrte Jüngling in Murathan Mungans Veronica Voss der Sehnsucht. Mehr noch, was überhaupt ist "ein Schwuler"? Fällt der verheiratete Anwalt aus Patrick Gayles Alte Knaben darunter oder der sich noch im hohen Alter Selbsterkenntnis verweigernde Dichter in László Ladányis Ein spätes Geständnis? Oder der sich zwischen Angst und Sehnsucht verzehrende Träumer in Desmond Hogans Eine seltsame Straße? Wann also ist mann auch "schwul"? Wenn man nur Sex treibt? Oder ist das Soziale - der ganze Lebensentwurf - wichtiger? Und was ist mit denen, die sich nie in sexuelles Männertreiben trauen? Sind die auch "schwul"?
Die Helden sind Jungens und Männer, die ihre homoerotischen Gefühle in sehr verschiedenen Kulturen und Situationen ausleben müssen: In einem englischen Schulinternat mit dessen sadistisch geprägter Hierarchie, vor einem homophoben russischen Polizeikommisar angesichts der tödlichen Gefahr, als Schwuler eingeknastet zu werden, im Beisein der künftigen Gattin des immer noch Geliebten, in einer islamischen Familie mit ihren festen (Un)wertevorstellungen. "Wenn Johann heute, fünfzehn Jahre später, irgendwo in Mittelschweden bei Geschäftsessen sitzt, geschieht es, daß er sich fragt, ob die Mittagsgäste Spitzenunterwäsche unterm Anzug oder einen Cockring aus Metall tragen. Er weiß, daß man nie weiß, welche heimlichen Träume der Mensch mit sich herumträgt." (Berg der Versuchung) Das Glück der Liebe kommt auf sehr seltsamen Pfaden daher und manchmal nur als geile Lust und manchmal gar nicht.
So unwiederholbar jede der Stories ist, fällt beim Lesen ein interessanter Bruch auf. Immer noch ist für viele osteuropäische Autoren das Schwulsein auch eine politische Definition, die das Zusammenfinden erleichtert. Westeuropäische Autoren spielen dagegen mit individuellen Konzepten der Selbstinszenierung und -theatralik. Was für den Einen noch existentielle Züge trägt, ist für den Anderen bereits instrumentalisierte Selbstvermarktung. Im Extrem lesbar in Olaf n. Schwankes (kein Druckfehler!) kriminalgeschichtlich angehauchten weit, so gut. Immer wieder kommt Heiner Müllers Erkenntnis in den Sinn, daß der tragende Grund für wirkliche Kunst aus Blut und Tod besteht. Daß beinahe jeder der Helden seine Probleme hatte und hat, sich mit den überlieferten Geschlechterrollen auseinanderzusetzen und diesen eine eigene Definition von Männlichkeit entgegenzusetzen, klammert alle wieder zusammen. Die Selbsterkenntnis, außerhalb der Norm zu stehen, ist der rote Faden des Buches.
Auf noch einen wesentlichen Aspekt - so scheint es dem Rezensenten - sei deshalb in der gebotenen Kürze hingewiesen. Keinem der Akteure steht der Sinn nach einer Heirat und schwule Organisationen sind ihnen ebenso fremd. Alle haben begriffen, daß es um ihr Leben geht und daß zuerst sie selber sich darum zu kümmern haben. Das berufsschwule Funktionärstum - es erscheint nach der Lektüre der einunddreißig Geschichten erst recht als deutsche Befindlichkeit. Die Vielfalt der erzählerischen Momente wirft Fragen auf, deren ehrliche Beantwortung die Vielschichtigkeit des Phänomens "Emanzipation" sichtbar macht. Schwules Leben ist jedenfalls mehr als das staatlich sanktionierte monogame Zusammenleben zweier Männer.
Schwules Leben läßt sich auch nicht reduzieren auf das Gebaren steriler White Gays aus Gottes eigenem Land und ihren Legenden, von denen die bekannteste Christopher Street heißt. "Sodom ist kein Vaterland" unterstreicht die kulturelle schwule Vielfalt in Europa, es ist ein literarisches Plädoyer für die eigene Idendität, für produktive Differenzen und Ungleichzeitigkeit in einer Gleichung, die keine (mehr) ist und wahrscheinlich niemals eine war.
Also ein wirklich gutes und wichtiges Buch. Und weil es so schön ist, noch dieses: "Überhaupt, nimm endlich zur Kenntnis, daß es zwischen zwei Jungen so was wie Liebe nicht gibt. Ständig fängst du damit an. Liebe! Dazu braucht es einen Jungen und ein Mädchen. Gut, bitte, wer von uns ist jetzt das Mädchen?" (Englischer Walzer)
Vorgestellt von Michael Heß
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